1980. Meine ersten Schritte in der Scientology-Welt

Meine ersten Schritte in der Scientology-Welt

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(c) Alfred Zeisel


Damit man meinen Einstieg in das totalitäre System von Scientology besser verstehen kann, muss ich kurz über mich berichten. In Wien geboren, wurde ich in meiner Kindheit und Jugend von meinem Vater permanent schwerst misshandelt. Nach solchen massiven körperlichen Misshandlungen hatte ich unter anderem wochenlang dunkel-blutige Striemen an Händen und Hinterteil, Blackouts, Gleichgewichtsstörungen, Kreislaufprobleme, Hörtraumen und Herzrhythmusstörungen. Und in der Zeit zwischen den körperlichen Misshandlungen übten meine Eltern einen Psychoterror sondergleichen aus. Meine Kindheit und Jugend waren also die reinste Hölle. Natürlich prägten Misshandlungen und Psychoterror auch mein weiteres Leben. So litt ich z.B. als Jurastudent an der Wiener Universität vor und während jeder Prüfung an Blackouts und diversen äußerst peinlichen Körperreaktionen. Nachdem ich schließlich mit zwanzig mein "Elternhaus" und auch die Universität für immer verließ, hatte ich nur zwei Ziele: Einmal wollte ich zum Film, ein Ziel, das mir meine Eltern schon von Kindheit an verboten hatten - gemäß ihrem Willen hätte ich in einem Anwaltsbüro arbeiten sollen -, zum anderen wollte ich die fürchterliche Unterdrückung bzw. meine panische Angst vor Autoritäten loswerden, die ich durch ihre "Erziehung" in mir trug. In den folgenden zwei Jahren an der Wiener Filmhochschule, die hauptsächlich von der Förderung meiner Schreibambitionen durch den Drehbuchprofessor geprägt waren, genoss ich das Künstlerdasein und jeglichen Ausdruck von Freiheit. Nach meiner ersten größeren Regieübung, die vom Regieprofessor mit unglaublicher Härte runtergemacht wurde, war ich derart am Boden zerstört, dass ich beschloss, ohne Filmhochschule weiterzumachen. Doch schon sehr bald merkte ich, dass ich es "beim Film" nicht schaffen konnte, eben wegen meiner monströsen Autoritätsängste, eben wegen meines Problems, bei jeglicher Form von Kritik zusammenzubrechen. (Oder hätten Sie, als Filmproduzent, mir meine damals durchschnittlichen bis schlechten (also auf Fernsehniveau befindlichen) Drehbücher abgenommen, oder mir gar die Regie über einen Film anvertraut - Regieführen war mein eigentliches Ziel -, bei meinem Erscheinungsbild: bleich, vor Angst zitternd, mit schweißnassen Händen, mit gepresst hoher Stimme, ein schleimiger Niemand?) Deshalb war bald mein gesamtes Streben nur mehr danach ausgerichtet, diese Unterdrückung loszuwerden. Ich versuchte es mit Drogen, mit verschiedenen Heilslehren, Therapie- und Selbsthilfebüchern und mit diversen Yogas - vergebens. Nicht etwa, weil die Inhalte der Heilslehren und Yogas schlecht oder nicht anwendbar gewesen wären - es waren sogar echte Perlen darunter -, nein, weil ich einfach weder Disziplin noch Durchhaltevermögen kannte, und weil ich nur von der Sucht nach schneller Körperbefriedigung geprägt war. (Auf einen Nenner gebracht könnte man auch sagen, dass ich schon mit zwanzig in den wohlverdienten Ruhestand gehen wollte, reich wie ein Filmstar, mit einem Harem schönster Frauen, gelegentlich einen Blockbuster drehend.)

Dennoch - also trotz aller vergeblicher Anläufe, mich zu "therapieren" - gab ich nicht auf. Und so kam ich auch in Kontakt mit Scientology.

Meine erste Bekanntschaft mit dem Begriff "Scientology" und dem Namen "Hubbard" machte ich durch Chick Corea. In den frühen Siebzigerjahren war ich von den neuen Musikrichtungen des Electronic Jazz' und des Jazzrocks völlig überrascht worden. Vor allem Miles Davis mit seiner LP Bitches Brew hatte es mir angetan.[1] Seine Gruppe bestand damals unter anderem aus John McLaughlin, Joe Zawinul, Herbie Hancock und Chick Corea, die später durch eigene LPs die wichtigsten Vertreter des Jazzrocks wurden.[2] Ganz besonders liebte ich Chick Coreas Musik (Return to Forever). Auf jeder seiner LPs war eine Danksagung an L. Ron Hubbard. Ich wusste damals nur aus irgendwelchen Zeitungsberichten, dass Hubbard auf einem Schiff lebte, weil er vor der Steuerbehörde auf der Flucht war.

Etwa zu dieser Zeit wurde ich in der Wiener Innenstadt von einer jungen Frau angesprochen und aufgefordert, doch in die nahe Mission zu kommen und einen Test zu machen. Es ging dabei um Scientology. Sie wirkte etwas verklemmt auf mich, als ob sie nicht ganz hinter der Sache stünde. Damals gehörte freier Sex zu den Lieblingsthemen meines Lebens - es war die Zeit der freien Liebe und der One-Night-Stands -, und so fragte ich sie am Ende ihrer spröden Ausführungen höflich aber auch machohaft auf Wienerisch: "Gehen wir nachher pudern (poppen)?" Ihr fiel das Gesicht herunter, all ihre aufgesetzte Freundlichkeit verschwand. Mir war sofort klar, dass Scientology nicht mein Ding war: Wenn jemand von so einer Frage geschockt war, dann konnte Scientology nichts wert sein. Ich hatte damals noch Yogis oder Zenmeister als Vorbilder, die von den heftigsten Stürmen des Lebens nicht berührt wurden. Und so eine Frage bezüglich körperlicher Freuden war nicht mal ein leises Lüftchen, es war absolute Windstille. Natürlich ging ich nicht in die Scientology-Mission. (Zehn Jahre später traf ich diese Frau in der "Sea Org" in Kopenhagen wieder.[3] Sie war mittlerweile dort auf Staff gegangen.[4] Wir konnten beide kurz über diese gemeinsame Erinnerung lächeln, ich wohl ein bisschen mehr als sie.)

Ende der Siebzigerjahre war ich bei einem Wiener Filmproduzenten, dem ich die Idee für einen Werbefilm verkauft hatte. Wieder wurde ich mit Scientology konfrontiert, diesmal in Form des Dianetik-Buches von L. Ron Hubbard, das mir der Produzent nach dem Geschäftsabschluss zum Lesen gab. Zuhause quälte ich mich durch die ersten Seiten dieses umfangreichen Buches, dann durch weitere Kapitel, bis ich es ihm schließlich ein paar Tage später zurückgab, mit dem (für solche soziale Gegebenheiten üblichen) Kommentar, es wäre ganz interessant gewesen. (Dass die Schreibe extrem langweilig und unglaublich zäh, der Inhalt pseudowissenschaftlich und spürbar um die Gunst namhafter Größen auf diesem Fachgebiet bemüht war, dass dieses Machwerk nicht mal ansatzweise an Fritz Perls' Gestalttherapiebücher, an John Lilly's Zentrum des Zyklons, an Carlos Castaneda's Bücher, an Satipatthana, an die Bhagavadgita, an das Tibetanische Totenbuch, oder Ähnliches heranreichte, behielt ich natürlich für mich.)


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[1] Miles Davis hatte nichts mit Scientology zu tun. Im Gegenteil: Er war für die Freiheit des Geistes und gegen jede Form von Unterdrückung, wie ich einem seiner Interviews entnehmen konnte.

[2] Weder John McLaughlin, noch Joe Zawinul oder Herbie Hancock hatten etwas mit Scientology zu tun. Nur Stanley Clarke, Coreas Bassist, war einige Zeit Scientologe. Er brachte es bis zu den höchsten Stufen, stieg danach aus: http://www.truthaboutscientology.com/stats/by-name/s/stanley-clarke.html, http://home.snafu.de/tilman/faq-you/celeb.txt. (Inzwischen ist er wieder in Scientology und lobt die "business courses" [WISE - siehe Glossar] und das "Drogenrehabilitationsprogramm" Narconon (siehe Glossar). examiner.com, http://tinyurl.com/ltnkqpo, 18.08.2013) 2009 machten Corea, McLaughlin und Hancock eine CD, Five Peace Band, auf der sie auch Miles-Davis-Nummern neu interpretieren.

[3] Sea Org, Kurzform für "Sea Organization": jene "Elite-Organisation" der Scientology, die die höchsten "Bewusstseinsstufen" der Scientology liefert

[4] "auf Staff gehen": Mitarbeiter werden

[5] Dieser Kurs ist eine Miniausgabe des TR-Kurses. Er besteht aus sechs Kommunikationsdrills oder TRs (Trainingsroutinen). Eigentlich sind sie kommunikationstechnologische Kontrollwerkzeuge.

 

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